Keine andere Dichtung versteht dem menschlichen Herzen

so feine Dinge zu sagen wie das Märchen 

Johann Gottfried von Herder (1744-1803)

 

Der goldene Schlüssel

Zur Winterszeit, als einmal ein tiefer Schnee lag, musste ein armer Junge hinausgehen und Holz auf einem Schlitten holen. Wie er es nun zusammengesucht und aufgeladen hatte, wollte er, weil er so erfroren war, noch nicht nach Hause gehen, sondern erst Feuer anmachen und sich ein bisschen wärmen. Da scharrte er den Schnee weg, und wie er so den Erdboden aufräumte, fand er einen kleinen goldenen Schlüssel. Nun glaubte er, wo der Schlüssel wäre, müßte auch das Schloss dazu sein, grub in der Erde und fand ein eisernes Kästchen. 

Wenn der Schlüssel nun passt dacht er - es sind gewiss kostbare Sachen drinnen!

Er suchte, jedoch da war kein Schlüsselloch. Endlich entdeckte er eins, aber so  klein, dass man es kaum sehen konnte. Er probierte und glücklicherweise, der Schlüssel passte. Voller Erwartung drehte er einmal herum...

und nun müssen wir warten, bis er vollends aufgeschlossen und den Deckel aufgemacht hat, dann werden wir erfahren, was für wunderbare Sachen in dem Kästchen lagen. 

                                                                            Nach den Gebrüder Grimm

 

 

Doktor Allwissend

Es war einmal ein armer Bauer namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Taler an einen Doktor.

Wie ihm nun das Geld ausbezahlt wurde, saß der Doktor gerade zu Tisch:

da sah der Bauer, wie er schön aß und trank, und das Herz ging ihm danach auf, und er wäre auch gern ein Doktor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen und fragte endlich, ob er nicht auch könnte ein Doktor werden. »O ja,« sagte der Doktor, »das ist bald geschehen.«

»Was muß ich tun?« fragte der Bauer. »Erstlich kauf dir ein Abc-Buch, so eins,

wo vorn ein Gockelhahn drin ist; zweitens mache deinen Wagen und deine zwei Ochsen zu Geld und schaff dir damit Kleider an und was sonst zur Doktorei gehört; drittens laß dir ein Schild malen mit den Worten »ich bin der Doktor Allwissend,« und laß das oben über deine Haustür nageln.

Der Bauer tat alles, wies ihm geheißen war. Als er nun ein wenig gedoktert hatte, aber noch nicht viel, ward einem reichen großen Herrn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Doktor Allwissend erzählt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wissen müßte, wo das Geld hingekommen wäre. Also ließ der Herr seinen Wagen anspannen, fuhr hinaus ins Dorf und fragte bei ihm an, ob er der Doktor Allwissend wäre. »Ja, der wär er.« »So sollte er mitgehen und das gestohlene Geld wiederschaffen.« »O ja, aber die Grete, seine Frau, müßte auch mit.« Der Herr war damit zufrieden und ließ sie beide in den Wagen sitzen, und sie fuhren zusammen fort. Als sie auf den adligen Hof kamen, war der Tisch gedeckt, da sollte er erst mitessen. »Ja, aber seine Frau, die Grete, auch,« sagte er und setzte sich mit ihr hinter den Tisch. Wie nun der erste Bediente mit einer Schüssel schönem Essen kam, stieß der Bauer seine Frau an und sagte »Grete, das war der erste,« und meinte, es wäre derjenige, welcher das erste Essen brächte. Der Bediente aber meinte, er hätte damit sagen wollen »das ist der erste Dieb,« und weil er es nun wirklich war, ward ihm Angst, und er sagte draußen zu seinen Kameraden »der Doktor weiß alles, wir kommen übel an: er hat gesagt, ich wäre der erste.« Der zweite wollte gar nicht herein, er mußte aber doch. Wie er nun mit seiner Schüssel hereinkam, stieß der Bauer seine Frau an »Grete, das ist der zweite.« Dem Bedienten ward ebenfalls angst, und er machte, daß er hinauskam. Dem dritten gings nicht besser, der Bauer sagte wieder »Grete, das ist der dritte.« Der vierte mußte eine verdeckte Schüssel hereintragen, und der Herr sprach zum Doktor, er sollte seine Kunst zeigen und raten, was darunter läge; es waren aber Krebse. Der Bauer sah die Schüssel an, wußte nicht, wie er sich helfen sollte, und sprach »ach, ich armer Krebs!«

Wie der Herr das hörte, rief er »da, er weiß es, nun weiß er auch, wer das Geld hat.« Dem Bedienten aber ward gewaltig angst und er blinzelte den Doktor an, er möchte einmal herauskommen. Wie er nun hinauskam, gestanden sie ihm alle viere, sie hätten das Geld gestohlen: sie wolltens ja gerne herausgeben und ihm eine schwere Summe dazu, wenn er sie nicht verraten wollte: es ginge ihnen sonst an den Hals. Sie führten ihn auch hin, wo das Geld versteckt lag. Damit war der Doktor zufrieden, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und sprach »Herr, nun will ich in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt.« Der fünfte Bediente aber kroch in den Ofen und wollte hören, ob der Doktor noch mehr wüßte. Der saß aber und schlug sein Abc-Buch auf, blätterte hin und her und suchte den Gockelhahn. Weil er ihn nicht gleich finden konnte, sprach er »du bist doch darin und mußt auch heraus.« Da glaubte der im Ofen, er wäre gemeint, sprang voller Schrecken heraus und rief »der Mann weiß alles.« Nun zeigte der Doktor Allwissend dem Herrn, wo das Geld lag, sagte aber nicht, wers gestohlen hatte, bekam von beiden Seiten eine hohe Belohnung und ward ein berühmter Mann.



Im Folgenden

Weisheitsgeschichten der Sufis von Gianluca Magi

 

Geben, was man besitzt

Eines Tages kam ein Sufimeister mit seinen Schülern durch ein Dorf. Bald hatte ihn ein Haufen von Eiferern umringt, die Steine nach ihm warfen und ihn mit Flüchen bedachten. Der Meister lächelte und segnete sie. „Wie denn?!“ fragten seine Schüler verwundert. „Diese traurigen Gestalten werfen mit Steinen nach dir, und du gibst ihnen deinen Segen?“ „Jeder zahlt mit der Münze, die er in seiner Börse findet“, antwortete der Meister.

 

 

Wenn es nur ein Ja oder Nein gibt

Ein Mann wurde zu Unrecht beschuldigt, seine Frau zu schlagen. Man führte ihn vor einen Richter, der wenig Verstand besaß. Dieser fragte ihn zornig:

„Schuft! Hast du nun endlich aufgehört, deine Frau zu verprügeln?

Ja oder Nein?“

Da der Mann unschuldig war, wusste er nicht, was er auf diese Frage antworten sollte: Hätte er mit „Ja“ geantwortet, so hätte er damit zu Unrecht zugegeben, seine Frau geschlagen zu haben. Hätte er aber Nein gesagt, dann hätte er damit eingestanden, seine Frau noch immer zu verprügeln. „Nun, Euer Ehren, wenn Ihr mit die Frage so stellt…“, antwortete er verschüchtert.

„Was soll das?“, unterbrach ihn der Richter brüsk.

„Entweder antwortest du mit Ja oder mit Nein! Hier gibt es wohl nichts zu deuteln! Lass deine Spitzfindigkeiten, oder du verschlimmerst deine Lage nur!“ Der Mann stand also mit dem Rücken Wand und wusste nicht, was er antworten sollte. Und so wurde er zu einer harten Strafe verurteilt.

 

 

Identifikation

„Der Alltag ist eine höchste kostbare Gelegenheit, uns in Weisheit zu üben“, sagte ein Sufimeister zu seinem Schüler. „Ich zeige dir, was ich meine, komm mit.“

Und so begaben sich die beiden zum Markt, wo geschäftiges Treiben herrschte. Menschen, Farben, Düfte – alles vermischte sich miteinander.
Plötzlich rief ein Mann in der Menge:
 „Wen sieht man denn da? Den gottlosen, alten Faulenzer mit seinem kleinen
Liebhaber!“ Wütend stürzte sich der Schüler angesichts dieser abwegigen Anschuldigungen auf den Mann. Sie prügelten sich, bis der Meister sagt:

„Jetzt beruhige dich doch. Wir kehren nun nach Hause zurück, und ich zeige dir, wie du solche Situationen meistern kannst, indem du ihre Ursachen erkennst.“

Zu Hause angekommen, zog der Meister ein Bündel an ihn adressierter Briefe heraus. In diesem Schreiben wurde er als Meister aller Meister angesprochen, als vollkommener Kenner des Koran, als Meister, der die Vollkommenheit erlangt hat, als Weisester unter den Weisen, und so weiter. Dieses Lob zauberte ein glücklicheres Lächeln auf die Lippen des Schülers. „Wenn du recht hinsiehst“, so der Meister, „kannst du aus diesen Briefen eine wichtige Lehre ziehen: Jeder der Schreiber nennt nicht einmal meinen Namen. Keiner spricht mich als das an, was ich bin, sondern als den, für den er mich hält. Und auch der Mann auf dem Markt nannte mich das, was er im Geheimen von sich selbst glaubt oder was er für sich fürchtet. So sind die Menschen nun einmal. Warum also sollten wir über das, was man über uns sagt, in Wut geraten oder uns freuen?“

 

 

Die Vielfalt des Seins

Man sagt, am Beginn aller Zeiten sei die Wahrheit ein klarer Spiegel gewesen. Eines Tages jedoch fiel dieser Spiegel zu Boden und brach in tausend Stücke. Jeder Mensch nahm einen dieser Splitter an sich. Und da er sein eigenes Bild darin erblickte, glaubte er, im Besitz des ganzen Spiegels zu sein. Und so ist es geblieben seit jenem Tag.

 

 

Das Hindernis

Es war einmal ein Löwe, der in einem Wald lebte. Als er Durst bekam, beschloss er, nach Wasser zu suchen. Also durchquerte er den Wald und ging so lange dahin, bis er an einen Bach kam. Doch kaum näherte sich die Schnauze dem Wasserspiegel, fuhr er auch schon erschrocken zurück: Da blickte ihm ja ein anderer Löwe entgegen! Er brüllte laut, um das Tier, das er für einen Rivalen hielt, zu vertreiben, doch dieser seltsame Löwe brüllte nicht zurück, ging aber auch nicht weg, denn als er sich wieder über das Wasser beugte, blickte er ihm immer noch fest ins Auge. Das Schauspiel wiederholte sich einige Male.

Der Löwe wollte sich schon davonmachen, doch er litt noch immer quälenden Durst. Und so überwand er alle Bedenken und stürzte sich mit einem Sprung ins Wasser. Wie durch einen Zauber verschwand dadurch das Bild des Rivalen, und der Löwe konnte endlich seinen Durst löschen. Zudem hatte er eine wichtige Einsicht gewonnen: Er hatte verstanden, dass der so plötzlich verschwundene Feind niemand anderer als er selbst gewesen war. Von diesem Tag an lebte der Löwe sein Leben im Wald wie gelassener, hatte er doch eingesehen, dass jedes Hindernis, auf das man stößt, selbst wenn es noch so schrecklich erscheint, nichts anderes ist als das Resultat der eigenen Spiegelungen und Erfahrungen.

 

Die obige Auswahl erfolgte spontan und könnte bei entsprechender Versenkung in die Welt der Märchen endlos fortgeführt werden...


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